Eicheln - die Oliven des Nordens?

Eicheln und Oliven - das klingt wie Äpfel mit Kartoffeln zu vergleichen. Doch mit etwas Neugierde erfährt man mehr. Gerade jetzt im Herbst prasseln in Sinstorf die Eicheln zuhauf auf Straßen, Plätzen und Wegen und auch der Waldboden ist hier stellenweise eine Rutschpartie, wenn die runden Kuller unter den Sohlen nicht zerkrachen wollen sondern rollen. Ja, da meldet sich bei manchem der Sammeltrieb und schnell ist eine Tüte voller Eicheln angefüllt. Kinder bauen mithilfe von Zahnstochern tolle Pferdchen und andere Vierbeiner, doch darum soll es an dieser Stelle mal nicht gehen.


Kann man Eicheln denn nicht auch essen? Die Eiche gilt als der Baum in Deutschland und wurde 2014 zum "Baum des Jahres" ausgerufen. Ähnlich wie der Olivenkranz in Griechenland schon die Sieger römischer Wagenrennen krönte, gilt der Eichenkranz bei uns als Zeichen der Wertschätzung, Ehre und Erinnerung. 

Tatsächlich enthalten Eicheln viele Kohlenhydrate in Form von Zucker und Stärke (ca. 40 Prozent). Damit sind sie ein wichtiger Energielieferant für den Körper. Und genau darauf kam es ja auch "in den schweren Zeiten" unserer Vormütter und .-väter an, die sich und ihre Familien während der Weltkriege "über die Runden" bringen mussten. Nahrungsmittel waren knapp und für die Jüngsten LeserInnen sei angemerkt: Aldi, Lidl und Co gab es damals noch nicht. Also wurde man erfinderisch, probierte aus und entdeckte, dass man aus Eicheln auch Brot, Küchlein und Kaffee zaubern konnte. Übrigens heißt "Koch" auf griechisch "Magiros" und erinnert uns an Magie, also Zauberei oder, anders ausgedrückt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teilchen. 
Hingegen liegt der Energiegehalt in Form von Kohlehydraten bei Oliven mit nur knapp 4% Kohlehydrate zehnmal unter dem der Eicheln.

Ein beherzter Biss in eine Eichel zeigt: brrr, ist das bitter! Daher stammt auch der Satz, dass Eicheln giftig seien.
Dasselbe gilt jedoch auch für Oliven. Frisch vom Baum gefallen, gepflückt oder geschlagen sind Oliven ebenfalls ungenießbar, denn die massiven Bitterstoffe können wir nicht verdauen. Da braucht es eine Extra-Behandlung in Form von Wässern. Über mehrere Tage (10 bis 14 Tage) werden die Oliven in Salz(wasser) gelegt, um die Gerb.- und Bitterstoffe auszuschwämmen. Dabei wird täglich das Wasser gewechselt bzw. die entstandene Lake abgegossen. Genauso machen wir es mit den Eicheln, die jedoch zuvor noch aus ihrer Schale gepellt werden müssen. Weiter unten erfahrt ihr mehr im Praxis-Teil.

Die Eicheln verfügen über einen Ölgehalt bis zu 15 Prozent. Der Ölgehalt der Oliven beginnt erst bei 15% und kann - je nach Sorte und Erntejahr - bis zu 35% steigen. Vermutlich pressen wir aus unseren Eicheln kein Öl, weil es neben tollen Olivenölen auch heimisches Sonnenblumen.- und Rapsöl gibt, welche einfach ertragreicher sind. Denkbar wäre jedoch auch Öl aus Eicheln.

Vergleicht man die Protein.- und Eiweißgehalte von Olien und Eicheln, liegen die Eicheln mit ca 6% Anteil sogar deutlich vorn. Oliven enthalten nur ca 1% Eiweißanteile. Zusammen mit den hohen Kohlehydratanteilen der Eicheln könnte jetzt deutlich werden, dass sich Eicheln eher zu Mehl verarbeiten lassen als Oliven. Und damit wollen wir die Vergleiche jetzt sein lassen. Beide Früchte sind toll. Gemeinsam haben sie neben ihren ideellen Werten wie Wertschätzung und Ruhm und Ehre in Form von Kränzen den hohen Bitteranteil und die ersten Schritte zur Verarbeitung. Sie unterscheiden sich jedoch auch in ihrer Bezeichnung: Die Olive ist eine Steinfrucht aus der Familie der Ölbäume und die Eichel gehört zu den Nüssen, aus der Familie der Buchengewächse.

Sichtbare Gerb.- und Bitterstoffe, die sich auf der Oberfläche des Wassers bilden und mit einer Schöpfkelle abgeschöpft werden. Täglich wurde das Wasser gewechselt unter jeweiliger Beigabe von einem Tütchen Natron (1 g), damit es etwas schneller geht.

Die schwarze Schicht wird von Mal zu Mal weniger, wie man sieht. Allerdings dauerte es in der Summe 15 Tage, bis sich überhaupt keine Schicht mehr absetzte und alles wasserklar blieb.

Das folgende Foto wurde ca am zehnten Tag gemacht.

 


 

 

 

 

14 Tage später war es dann soweit:

Nach dem täglichem Wässern trat kein "Grauschleier" mehr von den Eicheln an die Wasseroberfläche und die Eicheln konnten getrocknet werden. Damit es schneller ging, flugs bei kleinster Hitze (50°) im Bachofen für ca. eine Stunde trockengeblasen. Macht man es länger, werden sie dunkler.

Der erste Selbstversuch kann beginnen: Kaffeeersatz rösten in der Pfanne.
Doch zuvor möchte ich euch meine Recherche zu den weiteren Eicheln Inhaltsstoffen im Vergleich zu den Olive nicht vorenthalten (Angaben jeweils pro 100 g). Die Mineralstoffe im Vergleich:

 

Olive

Eichel

Kalium 42 mg       0,54 g (= 540mg)
Kalzium 52 mg 41 mg
Phosphor 4 mg 79 mg
Natrium 1,56 g -
Magnesium    11 mg 62 mg
Schwefel 57 mg -

Es folgen die Spurenelemente von Oliven und Eicheln im Vergleich:

 

Olive

Eichel

Zink 40 μg (= 0,04 mg)       0,51 mg
Eisen 0,49 mg 0,79 mg
Mangan 78  μg (= 0,078 mg) 1,34 mg
Kupfer 0,12 mg 0,62 mg
Jod 2,2  μg -
Molybdän    1,3 mg -
Selin 0,9 μg (= 0,0009 mg)    

Wie sieht es bei den Vitaminen im Vergleich Olive-Eichel aus? Siehst du hier:

 

Olive

Eichel

Vitamin E 3,81 mg       -
B1 Thiamin     21 μg (= 0,021 mg) 0,11 mg
B2 Riboflavin 7  μg (= 0,07 mg) 0,12 mg
B3 Niacin 0,24 mg 1,83 mg
B5 Panthotensäure    23  μg (= 0,023 mg) 0,72 mg
B6 31 μg (= 0,031 mg) 0,53 mg
Biotin 4,6 μg  (= 0,0046 mg)     -
Folsäure 3 μg (= 0,03 mg) 87 μg (= 0,087 mg)
Vitamin A 20 μg (= 0,02 mg) 2 μg (= 0,02 mg)
K1 Phyllochinon 1,4 μg (= 0,0014 mg) -

Zurück zum Kaffeerösten aus Eicheln. In der Pfanne wurden die gehackten Eicheln unter fortwährendem Rühren kurz und heftig angeröstet und zum Erkalten sich selbst überlassen. Dann in Jürgens Antik-Kaffeemühle handgemahlen, das war aber noch etwas zu grob, daher doch nochmal in die Elektrische Mühle zum feinpulvern. Das Filtern ist ne harte Sache: Läuft schlecht durch, verstopft den Filter (vielleicht doch lieber nur Jürgens Mühle verwendet?) und dauert daher ewig. Fazit: Eichelkaffee schon fast kalt, als er endlich durch war. Nächstes Mal die griechische Aufkochmethode im Topf probieren! Dazu noch: Es riecht so gar nicht nach einer leckeren Tasse Kaffee.

Und wie schmeckt der Pseudokaffee aus Eicheln?
Unbeschreiblich. Ein völlig neues Geschmackserlebnis. Aber Geschmack hat er, und bitter ist er auch, der Eichelkaffee. Schon ohne Milch sieht er aus wie mit Milch, und mit Milch und Zucker war er sogar gut genießbar. Auf alle Fälle etwas Besonderes, aber:


Mannoman
, was haben unsere Altvorderen so auf sich genommen, um an die Idee von Kaffee heranzukommen! Sie müssen schon arg lang die letzte Tasse Bohnenkaffee hinter sich gehabt haben, als sie Eicheln probierten und dann wohl auch ganz gut fanden.

Und hier die Details "von der Eichel bis zum Mehl"
Gesammelt wurden 2150 g ganze Eicheln (ohne Hütchen). Diese wurden geschält und dabei grob zerkleinert.
Eicheln ohne Schale: 1430 g. Nach dem ganzen Prozedere des Wässerns und Trocknen im Backofen bei 50°C blieb eine Menge von 1365 g mittelfeuchten Eichelbrösel übrig.

An dieser Stelle folgt etwas später die Herstellung von Eichelbrot. Die kleingeschnittenen Eicheln müssen zu Mehl verarbeitet werden. Dafür braucht es einen manuellen Fleischwolf, und der ist gerade via ebay von Bayern auf den Weg nach Hamburg. Warten wir's also ab...

...der Wolf ist da! Groß und schwer und aus Gußeisen.
Da hinein kommen nun die leicht vorgetrockneten Eichelstückchen. Feuchtigkeit sollte schon noch drin sein, denn sonst macht auch ein Gußeisenwolf schlapp. Heraus kommen kleine Würmchen, die dann im Backofen bei 50°C (oder an der Luft) getrocknet werden, bis alle Feuchtigkeit entwichen ist. Das ist für die Lagerhaltung notwendig, aber auch für die Getreidemühle, wo die kleinen "Würmchen" aus dem Fleischwolf anschließend noch feiner gemahlen wurden zu Eichelmehl. Eichelmehl ist übrigens, neben den reichen Inhaltsstoffen (siehe Tabellen oben) auch vollkommen Glutenfrei - wie fein!.

Nach den Trocknungs.- und Mahlvorgänge blieben 800 g Mehl übrig (von 2150 g gesammelten Eicheln). Das ist mehr als ein Drittel "Ausbeute". Warum nutzt man unsere heimischen Eichenbaumfrüchte nicht industriell?

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