Engelshaar - oder was ist das?

Gestern begegnete ich einem seltsamen Wesen. Es war weiß wie eine unschuldige Lilie aus Jerusalem, zart wie die feinste Zuckerbäckerei aus Rusland und so vergänglich wie der Flügelschlag eines Engels aus einem Märchen. Und all dies geschah nur unweit vor den Toren nach Sinstorf im leicht hügeligen Sunderwald, auf dem beliebten Wander.- und Erholungsweg in das benachbarte Sottorf in Niedersaschen.


Kann man sich in einem kleinen Waldstückchen zwischen der A7, Sottdorf und Vahrendorf überhaupt verlaufen? Frau kann. Gerade wurde mir bewußt, dass mein kleiner Rückweg vom Hotel und Restaurant Cordes in Sottdorf nicht derselbe war wie der schöne, in eisig-trockener Kälte mit festem Tritt durchschrittene Hinweg. Zurückgehen? Keine Option - noch nicht, denn mein Blick fiel gerade auf einen Jägersitz leicht oberhalb des Weges. Wo ich schon mal hier war, warum nicht den Sitz erkunden? Der kleine Trampelpfad lag voller gefrorener Blätter, nur hie und da begann es im Sonnenlicht dieses wunderschönen Tages aufzutauen. Da fiel mein Blick auf etwas Schneeweißes, was aber nicht so recht dorthin paßte. Styropor im Wald? Oder ein Lappen? Nein, das kann doch nicht sein, ein Stück Katzenfell? Einfach so?

Beim Näherkommen entdeckte ich mehrere solch merkwürdiger Erscheinungen. Und alle "wuchsen" auf abgefallenem, totem Holz - genauer: nur dort, wo die Rinde sich bereits vom Ast gelöst hatte, quoll das seltsame Fell hervor. Es fühlte sich kalt an und schmolz, kaum hatte man es mit dem Finger vorsichtig berührt. Mutiger geworden, "zupfte" ich ein wenig an der seltsamen Erscheinung. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Das weiße, kalte Wattezeugs schmeckte nach gar nichts. Wie reines Wasser.

Zu Hause googelte ich "weiß Fell Pilz Wald", denn es gibt ja (fast) nichts, was nicht jemand zuvor schon erlebt und im Netz verewigt hat. Viele Beiträge fand ich nicht, aber alle berichteten über dasselbe Erstaunen, was mich beim Anblick dieses kleinen Wunders erfaßt hatte und: das Wunder bekam einen Namen: Eishaar.

Diese seltene Erscheinung, so erfuhr ich, findet nur auf totem Holz statt, welches zuvor die Gelegenheit hatte, sich mit Feuchtigkeit vollzusaugen. Aber nur mit Besiedelung eines ganz bestimmten Pilzes gelingt das Schauspiel, denn dieser Pilz bohrt sein ultrafeines Mycel von außen strahlenförmig zur Stammmitte hinein. Ist nun der Stamm mit Wasser vollgesogen und die Temperaturen fallen auf 4°C, entsteht aufgrund der größten Ausdehnung des Wasser bei 4°C ein Innendruck. Das Wasser drückt sich aus den feinen Röhren des Pilzes aus dem toten Holz heraus. Dies würde wohl niemand bemerken, wenn nicht die Temperaturen am frühen Morgen noch weiter fallen, sodass das austretende Wasser sofort an der Oberfläche zu gefrieren beginnt. Jetzt kann das feine "Eis-Haar" von innen nach außen wachsen und erzeugt lange Fäden, die so dicht sind wie ein schönes Katzenfellchen.

Der Vorgang ist nicht zu verwechseln mit Rauhreif, der sich aus der Luft auf allem möglichem absetzen kann und bei genügender Kälte von außen "wächst". Im Groben könnte man das zarte, eisige Haar mit Spaghettieis vergleichen; denn durch ein gelochtes Sieb gedrückt wird das Vanilleeis in leckere lange Fäden verwandelt - diese allerdings wirklich eßbar.


Es wird überliefert, dass es Alfred Wegener war, der sich vor rund 100 Jahren das erste Mal mit diesem Phänomen beschäftigte und als Ursache dieses Naturwunders bereits einen Pilz vermutete. Erst 90 Jahre später, im Jahr 2015 machten gleich mehrere Forscherteams unabhängig voneinander den Pilz und den genauen Vorgang dingfest. Das Forscherteam um Gisela Preuß (Biologielehrerin) aus Neustadt benannte schließlich den Pilz: Es handelt sich um den leicht rosafarbig-wachsartigen Exidiopsis effusa, zu deutsch: Rosagetönte Gallertkruste. 
Christian Mätzler von der Universität Bern sowie Dr. Diana Hofmann vom Forschungszentrum Jülich fanden heraus, dass die Eishaare nur 0,02 Millimeter dick sind, und dabei unter günstigsten Bedingungen bis zu 20 Zentimeter lang werden können. in der Schweiz wird dieses Eishaar auch Pferdemähnen-Eis genannt.


Soweit die Kurzfassung. Im Netz werden Sie noch mehr Details herausfinden können. Oder Sie gehen im Winter mal in den Sunderwald und vertrauen auf ihr Glück.

Kommentare

1. Am Sonntag, 27 Januar, 2019, 18:12 von Greenman

Danke für diesen interessanten Beitrag, das zuerst.
Ich mache die Erfahrung immer wieder: Interessiere dich immer für Deine Umgebung und du wirst Neues erfahren.
Unser geschichtlich interessanter Boden und auch die Wälder bergen Geheimnisse, aber man wird sie nur finden , wenn der Geist frei von Sorgen ist, was gerade im Wald leichter zu erreichen ist. So habe ich vor kurzer Zeit meinen Sportkameraden vom Eichenhof-Sportcenter beim NordicWalking einen Allee von Mammutbäumen gezeigt, Riesiges erstaunen, man glaubte mir nicht, auch noch nicht ganz wie sie vor den Bäumen standen. Waldarbeiter bestätigten aber, dass das ein Fakt ist. Wer von Sinstorf oder Marmstorf weiß das schon ??
Wie viele Menschen haben in der Nachkriegszeit in den Wäldern überlebt? Gibt es ältere Nachbarn mit Erfahrung, wäre doch interessant. Achtet doch auf die noch letzten Lebenden der älteren Generation, die die Last des Krieges trugen, die wissen was.

Kommentar eintragen (ohne Registrierung!)

Kommentare können mit einfacher Wiki-Syntax formatiert werden.